Kölner Stadt-Anzeiger
26.07.2005
Emmaus Köln versteht sich als eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft, die Solidarität in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellt.
Vor der Tür des imposanten, weiß gestrichenen Gebäudes am Lachemer Weg stehen Bambus, Oleander und andere Grünpflanzen in
zahlreichen Kübeln, ein großer Gartentisch mit sechs Stühlen und einem grün-weiß geringelten Sonnenschirm laden zum Verweilen ein. „Hallo, Holzwurm“, begrüßt Franz Opfergelt seinen Kollegen Rudolf
Wilhelm. Der grinst und zieht an seiner Zigarette. Der 46-Jährige besucht zurzeit einen dreitägigen Lehrgang der Handwerkskammer zum Maschinenführer. „Ich hab schon zwei andere Maßnahmen mitgemacht
und einen PC-Schein fürs Lagerwesen erworben“, erklärt er stolz. Mittlerweile ist er Leiter des Möbellagers, was seinen Spitznamen erklärt. Der 53-jährige Opfergelt ist Chef über die
Hausratabteilung.
Die Kölner Emmaus-Gemeinschaft, zu denen die beiden gehören, betreibt seit 1997 im Niehler Gewerbegebiet den 1400 Quadratmeter großen Gebrauchtwarenmarkt. Wohnungsauflösungen und der Verkauf von
Möbeln, Kleidern, Hausrat und Büchern sind die Haupteinnahmequellen der 20-köpfigen Arbeits- und Lebensgemeinschaft, die seit dem Jahr 2000 ein städtisches Gebäude auf dem Gelände der
Dr.-Dormagen-Guffanti-Stiftung als Wohnhaus nutzt. Die Stadt nimmt keine Miete, weil Emmaus den städtischen Etat entlastet. Die ehemaligen Obdachlosen beziehen keine Sozialhilfe, sondern die
Gemeinschaft lebt selbständig, ohne öffentliche Unterstützung.
„Ich wohne seit Februar 2004 hier“, sagt Wilhelm. „Ich hatte Glück, ich habe ja keine Drogen- oder Alkoholprobleme. Die Atmosphäre, die Leute - hier ist es gut“, sagt er mit unverkennbar rheinischem
Zungenschlag und reibt sich kurz die Hände. Nur einen Monat lebte er als Obdachloser am Hauptbahnhof, nachdem ihm wegen Eigenbedarfs seine Wohnung gekündigt worden war. In der kurzen Zeit sind ihm
sämtliche persönlichen Papiere gestohlen worden. „Ich bin mit nix hierhin gekommen.“
Franz Opfergelt gehört schon seit elf Jahren zur Emmaus-Gemeinschaft, war davor ein halbes Jahr auf Platte. „Ich kam aus Mönchengladbach, hatte dort keine Perspektive und habe in Köln Arbeit
gesucht.“ Im Nachsatz fügt er an, dass er ein Jahr im Bau verbracht hat und durch andere Obdachlose auf Emmaus aufmerksam geworden ist. „Ruckzuck kannst du hier Arbeit und Zimmer auch wieder
verlieren“, sagt er ganz ohne Illusionen. Wer Gewalt anwendet, muss sofort das Haus verlassen; Alkohol ist ebenfalls tabu. Denn aufgenommen wird nur der, der nicht mehr alkoholabhängig und drogenfrei
ist.
In Absprache mit den Bewohnern entscheidet die Leitung des Hauses. „Und wir nehmen fast jeden, denn wir wollen den Schwachen der Gesellschaft eine Chance geben“, definiert Willi Does den Anspruch der
Emmaus-Gemeinschaft. „Ich sehe uns hier als einen Zusammenschluss von Menschen an, die sich trotz zahlreicher Lebensunfälle zusammengetan haben, um in Solidarität zu leben.“ Der 50-Jährige leitet mit
seiner Frau Pascale (41) seit 22 Jahren die Kölner Gruppe, deren Wurzeln bis ins Jahr 1959 zurückreichen. Zwei ihrer vier Kinder, Madeleine (14) und Johannes (22), leben noch mit ihnen zusammen. „Wir
sind keiner religiösen Bewegung zughörig“, stellt Does klar, „wir sind ein selbständiger Verein, der sich nur dem Emmaus-Dachverband verpflichtet fühlt. Aber unsere Wurzeln liegen natürlich im
abendländischen Christentum.“
Ein Teil der Bewohner hat sich mittlerweile im 40 Quadratmeter großen Esszimmer, das von zwei langen Holztischen beherrscht wird, zum Abendessen eingefunden. In einer Ecke steht ein Computer, umgeben
von Erinnerungsstücken anderer Emmaus-Gemeinschaften aus Polen, der Ukraine und Südamerika, die von der Kölner Gruppe regelmäßig unterstützt werden. An der Stirnseite des hohen Raumes, dem die
zahlreichen großen Fenstern mit den kleinen Scheiben eine wohnliche Atmosphäre verleihen, ist das Büfett aufgebaut mit Brot, Butter, Wurst und Käse. Wer mag, nimmt Kartoffelsalat oder Obst dazu.
Wasser und Saft in Glaskrügen stehen bereit. Abräumen muss der Letzte. Klare Regeln bestimmen den Alltag: Abendessen um 19 Uhr, gemeinsames Mittagessen um 13 Uhr, das täglich von einer Gruppe von bis
zu vier Personen in der großen Küche gekocht wird. Frühstück bereitet sich jeder selbst vor dem Arbeitsbeginn um 8.15 Uhr. Drei Autos gibt es für alle Emmaus-Mitglieder.
800 Quadratmeter Wohnfläche stehen auf drei Stockwerken zur Verfügung. Die meisten Mitglieder verfügen über ein Einzelzimmer. Die älteste Bewohnerin mit 72 Jahren ist Christine Freund, eine ehemalige
Laienschwester. Sie ist schwerhörig, hilft aber immer noch regelmäßig im Möbellager aus. „Mir gefällt hier alles, schreiben sie das ruhig auf“, diktiert sie der Reporterin resolut in den Block.
Stefan Krapohl nutzt mit seiner schwangeren Freundin ein Zimmer. Wenn das Baby Ende September zur Welt kommt, ist es der jüngste Bewohner. Für Krapohl ist die Emmaus-Gemeinschaft seit mehr als drei
Jahren ein zuverlässiger Anker in einem Leben, das von Drogen und Alkohol beherrscht war. „Ich verurteile keinen“, sagt der 37-Jährige bestimmt und fügt sein Lebensmotto an: „Allein könnte ich meine
Scheiße nicht aushalten, nur in Gemeinschaft.“
Nur ein Holztisch ist zum Abendessen besetzt, einige haben sich schon auf ihre Zimmer zurückgezogen, suchen den Abstand zu den Menschen, mit denen sie bereits den ganzen Tag zusammengearbeitet haben.
Gemeinschaft sei auch belastend, gibt Does offen zu: „Immer Kompromisse zu machen und die Verantwortung zu tragen für ein Unternehmen mit zeitweise 50 bis 60 Mitarbeitern.“
Über einem schwarzen Klavier, das einmal im Alten Wartesaal Dienst tat, hängt die monatliche Bilanz - Transparenz ist mindestens so
wichtig wie Solidarität. „Wir teilen wirklich“, stellt Does klar. „Jeder bekommt das Gleiche, nämlich 50 Euro Taschengeld im Monat.“ Ein Stückchen weiter hängt ein anderes Dokument: Die Urkunde des
„Aachener Friedenspreises“ vom 1. September 1994. Anerkennung für eine Arbeit, die Solidarität und Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt.
Emmaus Gemeinschaft in Köln
gemeinsam leben * arbeiten * helfen
